recovery schreiben gedanken zu self care & empowerment

11Mai/174

#3 Recovery und Schreiben II

Nach den vielen interessierten Kommentaren, möchte ich doch noch einmal in erklärender weise auf den Recovery-Ansatz zurückkommen. Obwohl sich der Recovery-Gedanke bereits seit den 1980er Jahren in Bezug auf psychische Erkrankungen ausbreitet und insbesondere in den USA, Großbritannien und Australien Verbreitung findet, gilt dieser in Deutschland dennoch noch immer als innovativ und ist dementsprechend umstritten innerhalb sozialpsychiatrischer Praxis. Es handelt sich hierbei weniger um ein einheitliches Konzept als um ein Bündel bestimmter Herangehensweisen und entsprechender Haltungen. Der Ansatz wurde primär von Betroffenen, d.h. von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die als chronisch gelten, entwickelt und wendet sich gegen eine allzu pessimistische Grundhaltung innerhalb der Psychiatrie.

Wortwörtlich würde man Recovery wohl am ehesten mit Wiederherstellung übersetzen. Gemeint ist hier aber etwas kontraintuitiv ein tiefgreifender Wandlungs- bzw. Veränderungsprozess eines Menschen, der sich individuell sehr verschiedenartig ausdrücken kann. Recovery meint am ehesten Genesung. Genesung wird hier in Abgrenzung zu Heilung verwandt. Während sich die klassische Psychiatrie auf Heilung oder eben Unheilbarkeit bezieht, arbeitet der Recovery-Ansatz unter anderen Vorzeichen. Denn Genesung beschreibt einen Prozess, der sich auf Lebenszufriedenheit richtet und demnach über bloße „Symptomfreiheit“ hinaus geht. Recovery in medizinischer Hinsicht wäre gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Symptomen. Der hier gebrauchte Recovery-Begriff wendet sich jedoch der subjektiven Sicht zu. Recovery bzw. der Genesungsprozess kann trotz anhaltender Symptomatik oder Beeinträchtigung stattfinden. Recovery beschreibt einen individuellen Weg zu einem freudvolleren Leben, der Auseinandersetzung mit sich, der Vergangenheit, der Erkrankung einbegreift. Genesung bedeutet weniger Rückkehr als Streben nach etwas Neuem: Ich bin nicht die gleiche wie vor der Krise oder auch vor der Erkrankung. Die Krise oder auch die Erkrankung verändern mich. Etwas Neues entsteht. Recovery-Orientierung soll Menschen zu einem hoffnungsvollen und aktiven Leben befähigen.

Für das Gehen dieses Weges oder auch zur Begleitung der Auseinandersetzung und Neufindung halte ich das Schreiben für eine äußerst hilfreiche kulturelle Praxis. Ich würde in diesem Zusammenhang ihre Bewältigungsfunktion betonen wollen und auf die mitunter entlastende und Chaos ordnende Wirkung hinweisen, die besonders im therapeutischen Schreiben zur Anwendung kommt. Schreibend komme ich nicht nur zu mehr Selbstkenntnis, nein, Schreib kann insgesamt bereichernd sein und zu mehr Lebensqualität beitragen. Ich halte es aufgrund dieser Möglichkeiten des Schreibens für Geboten einen niederschwelligen Zugang für alle Menschen in Krisen zu schaffen.

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Kommentare (4) Trackbacks (0)
  1. Liebe To,

    auch von mir mal ganz herzlichen Dank für Deinen spannenden und mutigen Blog! Der Begriff der Recovery war mir mit meinem Hintergrund nicht völlig unbekannt, aber von seiner Bedeutung hatte ich äusserst ungenaue Vorstellungen. Dank Deinen differenzierten Erklärungen, in denen ich auch eigene Prozesse stark wiederfinden kann, hat sich das nun geändert!

    Vielen Dank und liebe Grüsse

    Ella

  2. Liebe j, ich finde den recovery-Ansatz sehr interessant, ich habe zwar schon eine Menge *über* ihn gelesen, mir ist aber seine Bedeutung wie gerade jetzt in diesem Blogbeitrag noch nie so deutlich geworden, worum es wirklich geht…
    Die Unterscheidung von Genesung und Heilung und der folgende Aspekt. en du folgendermaßen beschreibst: “Ich bin nicht die gleiche wie vor der Krise oder auch vor der Erkrankung. Die Krise oder auch die Erkrankung verändern mich. Etwas Neues entsteht .”
    Und da ist Schreiben natürlich ein geniales Instrument, sich mit mir selbst, der Erkrankung, der Krise, der Vergangenheit und der Zukunft auseinanderzusetzen …
    In meiner beruflichen Tätigkeit habe ich auch und nicht selten mit Menschen mit einer psychischen Erkrankung zu tun, diesen Ansatz werde ich jetzt nachhaltiger verfolgen und bin sehr froh darüber, ihn hier von dir so informativ und im Zusammenhang mit Schreiben präsentiert zu bekommen.
    Liebe Grüße,
    Sabine

  3. Liebe To,
    vielen Dank, dass Du den Recovery-Ansatz noch einmal näher beleuchtet hast. Ich finde diesen hilfreichen Umgang mit einer Erkrankung im Sinne einer Genesung höchst interessant und mehr als sinnvoll, zumal er Betroffenen helfen kann, sich nicht weiter auf seine Symptome reduzieren zu lassen.

    Liebe Grüße
    mo…

  4. Liebe J,
    ich lese Deinen Recovery-Text heute noch mal. Nach unserem letzten Präsenzwochenende empfinde ich ihn noch mal mehr als Gegengewicht oder Ergänzung zu anderen Ansätzen, die sich mit Krankheit als Defizit auseinandersetzen. Zu genesen mitten in der leidvollen Erfahrung – das ist eine besondere Sicht, die ich annähernd versuche zu verstehen. Vielleicht kann ein Krankheit sogar frei machen.
    Ich freue mich, mehr darüber zu lesen!
    Liebe Grüße
    Christaine


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