recovery schreiben gedanken zu self care & empowerment

16Apr/1710

#2 Recovery und biografisches Schreiben

Zum Einstieg möchte ich einen kurzen Einblick in das Recovery-Konzept geben. Unter Recovery verstehe ich einen persönlichen Entwicklungs- und Veränderungsprozess, einen Weg, auf den man sich begibt und eine hoffnungsvolle Haltung gegenüber dem eigenen Leben. Es geht hier also nicht um einen symptomfokussierten Ansatz (also Recovery als ein Endprodukt der Behandlung, die auf Symptomfreiheit und ein bestimmtes normgerechtes Funktionsniveau abzielt), sondern um Recovery als einer „Art zu leben“ (Patricia Deegan). Entscheidend ist das subjektive Erleben von Recovery: Wie interpretiere ich mein Leben steht im Vordergrund und nicht, wie urteilt eine Autorität über meinen Zustand. Recovery hat vielfältige Bedeutungen. Ich werde darum noch öfters darauf zurückkommen.

Mir scheint, dass biografisches Schreiben und ressourcenorientierte Biografiearbeit im allgemeinen eine herausragende Rolle in diesem Zusammenhang spielen. Warum?

Wir werden zwar von Ereignissen und Erfahrungen geformt, zugleich formen wir uns aber über die Reflexion und Einordnung der Geschehnisse mit. Es hängt von meiner Sichtweise ab, wie ich das Geschehen erlebe, was ich daraus mache, was ich als Schicksalsschlag, was ich als Herausforderung begreife. Perspektivwechsel ist hier ein wichtiges Stichwort. Schreiben erscheint mir eine bedeutende Möglichkeit zu sein, Krisen zu bewältigen und Recovery in Gang zu setzen.

Krisen bestehen aus meiner Sicht auch aus einem Konflikt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Was bisher funktioniert hat, funktioniert nicht weiter. Ich kann meinen Weg nicht genauso fortsetzen. Ich weiß jedoch noch nicht, wie es weitergehen soll. Ich bin befangen in einem Zwischenzustand. Die alten Werte tragen nicht mehr, die neuen sind noch nicht gefunden. Manchmal besteht die Lösung darin, sich zu lösen: ich muss mich verabschieden von einer Vorstellung, die ich von mir und der Welt hatte und mich auf etwas Neues einlassen. Das ist ein schmerzhafter Prozess. Ich kann jedoch meine Perspektive nicht ändern, gebe ich nicht zugleich etwas auf (nämlich meinen bisherigen Blick- und Standpunkt). Ich muss meine Ausrichtung ändern, um sehen zu können, was alles noch daneben liegt. Neben dem, was ich bisher immer in den Blick genommen habe. Da ist eine ganze Landschaft zu entdecken, die mir vorher gar nicht aufgefallen ist oder bewusst war. Ich muss sehen lernen, was zuvor im Schatten dessen lag, was ich so stark fokussiert habe. Ein Perspektivenwechsel bedeutet demnach nicht nur einen Verlust, sondern zugleich auch einen Zugewinn.

Kommentare (10) Trackbacks (0)
  1. Liebe J.,
    bis zu deinem Eintrag in die Blogliste hatte ich noch nie vom Recovery-Konzept gehört, war aber gleich angefixt. Und jetzt, nachdem du ein wenig erzählt hast, bin ich noch neugieriger, hoffnungsvoller? Zwar bin ich nicht psychiatrie- aber reichlich PT-erfahren und empfinde mein Leben als Aneinanderreihung von Krisen, samt permanenter Neudefinition (Perspektivwechsel?) meines Ichs. Vielleicht habe ich dabei bislang etwas Grundlegendes falsch gemacht.
    Ich bin gespannt, welche Einsichten ich in deinem Blog gewinne, und danke dir, dass du ein so schwieriges Thema anfasst.
    Deine Amy Novice

    • Liebe Amy Novice,
      danke für dein Interesse! Ich bin gespannt, wo uns das bloggen und die Auseinadersetzung hinführen wird und freue mich sehr über Austausch. Dies mag leicht gesagt klingen, aber ich glaube, weiterführend ist es, die Vergangenheit daraufhin zu befragen, was sie an hilfreichen Erfahrungen mit sich brachte, anstatt das Augenmerk auf defizitäres zu legen.
      Auf baldiges Wiederlesen,
      To

  2. Liebe J.
    an dem Satzteil “…auch aus einem Konflikt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Was bisher funktioniert hat, funktioniert nicht weiter. Ich kann meinen Weg nicht genauso fortsetzen. Ich weiß jedoch noch nicht, wie es weitergehen soll. Ich bin befangen in einem Zwischenzustand.” bin ich hängengeblieben und hat mich über den Zwischenzustand reflektieren lassen, im Sinne von, was brauche ich, wann und wo, um dem Neuen zu vertrauen, danke für diesen Aspekt,
    freue mich auf einen Austausch zum Thema mit dir,
    viele Grüße,
    Sabine

  3. Liebe To,
    danke für diese hochinteressanten Gedanken.
    Das ist genau mein Verständnis von Krise, und es ist tatsächlich auch die Erfahrung, die ich in der Vergangenheit gemacht habe: dass nämlich Ereignisse, die sich im Moment wie kaum zu bewältigende Schicksalsschläge anfühlen, durch Perspektivwechsel (der immer diesen schmerzhaften Prozess des Loslassens obsoleter Vorstellungen und/oder Lebensentwürfe bedeutet) zu Herausforderungen werden, von denen man im Nachhinein sogar (nicht immer, aber manchmal) sagen kann: gut, dass es passiert ist und mich zu einer Änderung gezwungen hat. Auch das Schreiben habe ich in dem Zusammenhang manchmal als geradezu lebensrettend empfunden.
    Problematisch ist es für die Menschen, die sich der Krise gewissermaßen verweigern, indem sie am Alten festhalten, in der Krise verharren und stagnieren.
    Ich freue mich sehr auf deine weiteren Gedanken!
    Deine Fe.

  4. Liebe To,

    ich bin absolut deiner Meinung, dass sich das Schreiben hervorragend zum Perspektivwechsel eignet. Manchmal lasse ich Menschen, die gerade in einer Gedankenspirale festhängen ( und das passiert jedem von uns mal im Leben, behaupte ich) Texte rückwärts abschreiben und dann weiter schreiben. Es ist erstaunlich, was sich aus dieser doch so simpel klingenden Übung ergibt.

    Das Recovery Konzept kannte ich bislang auch nicht, es spricht mich aber sofort an. Mich ärgert es wahnsinnig, dass wir im sog. Gesundheitssystem gänzlich auf das fixiert sind, was angeblich nicht funktioniert. Würden wir uns klar machen, wieviel tausend Funktionen der Körper ohne unser Zutun leistet, würden wir vor Ehrfurcht sofort erstarren, nehme ich an. Und das gilt auch für die geistig- seelischen Prozesse.

    Ich bin gespannt, wie es hier weitergeht und werde sehr gerne weiter Gast hier sein.

    Danke!

    alles Liebe

    Hedda

  5. Liebe To,
    festhängen zwischen Gestern und Morgen – ja, das beschreibt meinen momentanen Zustand ganz passend. Dein Hinweis, das Loslassen dran ist, ängstigt mich ein wenig. Mich von Vorstellungen verabschieden – das fällt mir schwer. Ich bin sehr gespannt, was der Recovery-Ansatz dazu zu sagen hat und freue mich auf weitere Beiträge von Dir!
    Liebe Grüße
    C.

  6. Liebe Julia
    Danke für den ersten Einblick in das Konzept von Recovery. Ich bin gespannt auf Deine Einträge.
    Herzlich, Urs

  7. Liebe To,

    Dein Recovery Ansatz überzeugt mich und ich kann ihn auch aus meinen Erfahrungen bestätigen: “Wie interpretiere ich mein Leben steht im Vordergrund und nicht, wie urteilt eine Autorität über meinen Zustand.”
    Wir haben die Möglichkeit, in unserem Denken einen Schalter umzulegen und neue Betrachtungsweisen zu generieren. Störende Blockadegedanken, die aus “alten Zeiten” hochkommen, lassen sich mit einem “Stop” ausschalten. Diesen Trick habe ich einmal in einem Trauerseminar gelernt und er funktioniert.

    Viele Grüße
    Susi

  8. Liebe To,
    ich finde es unglaublich spannend, von wievielen verschiedenen Seiten wir uns dem Thema der persönlichen Weiterentwicklung annähern können.
    Toll, dass dein Blog dieses Thema um eine weitere Facette ergänzt. Ganz stark und wichtig finde ich den Anteil der Eigenverantwortung, insofern mag ich besonders diesen Satz: “Wir werden zwar von Ereignissen und Erfahrungen geformt, zugleich formen wir uns aber über die Reflexion und Einordnung der Geschehnisse mit.”
    Liebe Grüße
    mo…


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