recovery & schreiben gedanken zu self care & empowerment

12Mai/170

# 4 Vergleich: Traditioneller und Recovery-Ansatz

Zur Erläuterung des Recovery-Ansatzes, hier noch ein vergleichender Überblick:

aus: 100 Wege um Recovery zu unterstützen. Ein Leitfaden für psychiatrische Fachpersonen Rethink Mental Illness-Serie Recovery: Band 1 von Mike Slade, S. 7

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11Mai/172

#3 Recovery und Schreiben II

Nach den vielen interessierten Kommentaren, möchte ich doch noch einmal in erklärender weise auf den Recovery-Ansatz zurückkommen. Obwohl sich der Recovery-Gedanke bereits seit den 1980er Jahren in Bezug auf psychische Erkrankungen ausbreitet und insbesondere in den USA, Großbritannien und Australien Verbreitung findet, gilt dieser in Deutschland dennoch noch immer als innovativ und ist dementsprechend umstritten innerhalb sozialpsychiatrischer Praxis. Es handelt sich hierbei weniger um ein einheitliches Konzept als um ein Bündel bestimmter Herangehensweisen und entsprechender Haltungen. Der Ansatz wurde primär von Betroffenen, d.h. von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die als chronisch gelten, entwickelt und wendet sich gegen eine allzu pessimistische Grundhaltung innerhalb der Psychiatrie.

Wortwörtlich würde man Recovery wohl am ehesten mit Wiederherstellung übersetzen. Gemeint ist hier aber etwas kontraintuitiv ein tiefgreifender Wandlungs- bzw. Veränderungsprozess eines Menschen, der sich individuell sehr verschiedenartig ausdrücken kann. Recovery meint am ehesten Genesung. Genesung wird hier in Abgrenzung zu Heilung verwandt. Während sich die klassische Psychiatrie auf Heilung oder eben Unheilbarkeit bezieht, arbeitet der Recovery-Ansatz unter anderen Vorzeichen. Denn Genesung beschreibt einen Prozess, der sich auf Lebenszufriedenheit richtet und demnach über bloße „Symptomfreiheit“ hinaus geht. Recovery in medizinischer Hinsicht wäre gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Symptomen. Der hier gebrauchte Recovery-Begriff wendet sich jedoch der subjektiven Sicht zu. Recovery bzw. der Genesungsprozess kann trotz anhaltender Symptomatik oder Beeinträchtigung stattfinden. Recovery beschreibt einen individuellen Weg zu einem freudvolleren Leben, der Auseinandersetzung mit sich, der Vergangenheit, der Erkrankung einbegreift. Genesung bedeutet weniger Rückkehr als Streben nach etwas Neuem: Ich bin nicht die gleiche wie vor der Krise oder auch vor der Erkrankung. Die Krise oder auch die Erkrankung verändern mich. Etwas Neues entsteht. Recovery-Orientierung soll Menschen zu einem hoffnungsvollen und aktiven Leben befähigen.

Für das Gehen dieses Weges oder auch zur Begleitung der Auseinandersetzung und Neufindung halte ich das Schreiben für eine äußerst hilfreiche kulturelle Praxis. Ich würde in diesem Zusammenhang ihre Bewältigungsfunktion betonen wollen und auf die mitunter entlastende und Chaos ordnende Wirkung hinweisen, die besonders im therapeutischen Schreiben zur Anwendung kommt. Schreibend komme ich nicht nur zu mehr Selbstkenntnis, nein, Schreib kann insgesamt bereichernd sein und zu mehr Lebensqualität beitragen. Ich halte es aufgrund dieser Möglichkeiten des Schreibens für Geboten einen niederschwelligen Zugang für alle Menschen in Krisen zu schaffen.

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16Apr/179

#2 Recovery und biografisches Schreiben

Zum Einstieg möchte ich einen kurzen Einblick in das Recovery-Konzept geben. Unter Recovery verstehe ich einen persönlichen Entwicklungs- und Veränderungsprozess, einen Weg, auf den man sich begibt und eine hoffnungsvolle Haltung gegenüber dem eigenen Leben. Es geht hier also nicht um einen symptomfokussierten Ansatz (also Recovery als ein Endprodukt der Behandlung, die auf Symptomfreiheit und ein bestimmtes normgerechtes Funktionsniveau abzielt), sondern um Recovery als einer „Art zu leben“ (Patricia Deegan). Entscheidend ist das subjektive Erleben von Recovery: Wie interpretiere ich mein Leben steht im Vordergrund und nicht, wie urteilt eine Autorität über meinen Zustand. Recovery hat vielfältige Bedeutungen. Ich werde darum noch öfters darauf zurückkommen.

Mir scheint, dass biografisches Schreiben und ressourcenorientierte Biografiearbeit im allgemeinen eine herausragende Rolle in diesem Zusammenhang spielen. Warum?

Wir werden zwar von Ereignissen und Erfahrungen geformt, zugleich formen wir uns aber über die Reflexion und Einordnung der Geschehnisse mit. Es hängt von meiner Sichtweise ab, wie ich das Geschehen erlebe, was ich daraus mache, was ich als Schicksalsschlag, was ich als Herausforderung begreife. Perspektivwechsel ist hier ein wichtiges Stichwort. Schreiben erscheint mir eine bedeutende Möglichkeit zu sein, Krisen zu bewältigen und Recovery in Gang zu setzen.

Krisen bestehen aus meiner Sicht auch aus einem Konflikt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Was bisher funktioniert hat, funktioniert nicht weiter. Ich kann meinen Weg nicht genauso fortsetzen. Ich weiß jedoch noch nicht, wie es weitergehen soll. Ich bin befangen in einem Zwischenzustand. Die alten Werte tragen nicht mehr, die neuen sind noch nicht gefunden. Manchmal besteht die Lösung darin, sich zu lösen: ich muss mich verabschieden von einer Vorstellung, die ich von mir und der Welt hatte und mich auf etwas Neues einlassen. Das ist ein schmerzhafter Prozess. Ich kann jedoch meine Perspektive nicht ändern, gebe ich nicht zugleich etwas auf (nämlich meinen bisherigen Blick- und Standpunkt). Ich muss meine Ausrichtung ändern, um sehen zu können, was alles noch daneben liegt. Neben dem, was ich bisher immer in den Blick genommen habe. Da ist eine ganze Landschaft zu entdecken, die mir vorher gar nicht aufgefallen ist oder bewusst war. Ich muss sehen lernen, was zuvor im Schatten dessen lag, was ich so stark fokussiert habe. Ein Perspektivenwechsel bedeutet demnach nicht nur einen Verlust, sondern zugleich auch einen Zugewinn.

16Apr/173

#1 Was mich nicht umbringt…

Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ ist ein bekannter Ausspruch des Philosophen Friedrich Nietzsche. Dieses Zitat provoziert nur auf den ersten Blick, denn hier lautet es nicht allgemein: Krisen machen stärker. Krisen können zerstörerische, katastrophale Konsequenzen haben. Nein, hier heißt es viel spezifischer auf ein Ich gemünzt: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Wie kommt es dazu, dass ein Ich sich so einschätzt? Wie gelingt eine solche Selbstinterpretation? Oder allgemeiner: Was sind die Bedingungen dafür, dass ich Stärke aus einer Krise ziehen kann? Dies ist ein Thema, das ich weiterverfolgen möchte und über das ich gerne in Austausch treten will.

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